Verfasst von: Vollidiot in: 8. September 2008
„Come to my House!“ befahl mir ein dünnes Mädchenstimmchen. Ein paar Mal noch dasselbe. „Wann?“ – „Sofort!“. Träume ich? In meinem Kopf begann es zu arbeiten. Was hatte man uns nicht alles gesagt, bevor ich dorthin geflogen bin? Seid vorsichtig. Geht kein Risiko ein. Ich konnte ja kaum ein Wort Spanisch!
„Also,“, schlug ich nach einigen Sekunden vor, „treffen wir uns doch am Paseo del Buen Pastor.“ Wie ich heute weiß, 100 Meter von ihrem Haus entfernt. „No!„, entgegnete mir das Stimmchen energisch.Im Hintergrund Gelächter.
„Was machen wir bei dir“, fragte ich schließlich, während sich mein Hirn mit der Frage beschäftigte, ob ich wohl in einem dunklen Folterkeller unfreiwilliger Protagonist der südamerikanischen Version von „SAW“ werden würde. „I love you! I love you!“, schallte es nur aufgeregt zurück. Ja ja, kleines Mädchen, und ich bin die wiederauferstandene Eva Duarte persönlich.
Trotzdem ließ ich mir die Adresse geben, die ich in meiner Unwissenheit jedoch falsch notierte: Nicht Buenos Aires 5182b, sondern Buenos Aires 518 2b sollte es sein. So gegen Acht wollte ich dann mit zwei Freunden doch einmal vorbeischauen, schließlich war ich schon ein wenig neugierig. Wer das wohl sein würde, an den ich mich da nur noch dunkel erinnern konnte?
Fortsetzung folgt
Verfasst von: Vollidiot in: 8. September 2008
…eigentlich war auch dieses Wochenende wieder für’n Arsch. Zumindest, wenn man einen bestimmten Maßstab anlegt, haha. Wie immer erst im Jack’s, vorglühen. War sogar ganz witzig. Zwischendrin hab ich mich natürlich mal wieder weg von Deutschland gewünscht. Dann in die Wunderbar. Also alles wie immer? Nicht ganz. Ich war zu früh dran, hab mir also im Staga noch zwei Tequila gold reingezogen.
Und in der Wunderbar? Da gings genauso weiter. Ungewöhnlich wenig Publikum, aber wenigstens habe ich diesmal nicht die Happy Hour verpasst. Also eben schnell noch vier Wodka Bull zum Preis von Zweien runtergezischt, ne SMS nach Argentinien geschickt, im Staga noch ein paar Leute zugetextet und dann ab zum Room One (aka Club One).
Geändert hat sich nix. Der Laden ist noch immer genauso assi wie er früher schon war. Trotzdem ne Weile geblieben, noch nen Wodka Bull gezischt – und irgendwie fand ich es ziemlich amüsant. Vielleicht, weil alles so lächerlich war. Der halbe Laden voll mit geilen Mädchen, die aber getrost das Prädikat „Schlampen“ verdienen. Und der Rest? Irgendwelche prolligen Typen, die sich nicht nur für unglaublich cool halten, sondern wahrscheinlich auch ihre Mädchen verprügeln würden.
Also nochmal zurück, durch den Regen. Fünf Minuten Wunderbar, dann ab nach Hause.
Seitdem ist die Welt eigentlich ganz in Ordnung. Me estoy perdiendo, würde ich sagen. Bald warten neue Herausforderungen.
Verfasst von: Vollidiot in: 4. September 2008
Wie ich es eigentlich schon erwartet hatte, bin ich heute nicht so gut drauf wie gestern… heißt das etwa, ich habe kein Problem OHNE Alkohol, sondern MIT? Was bleibt, ist Schulterzucken.
In den letzten Tagen habe ich oft darüber nachgedacht, ob ich tatsächlich nochmal nach Argentinien gehen würde. So lange, wie mich manche Dinge jetzt schon beschäftigen. Lohnt es sich wirklich, denn die Leute, die mir viel bedeuten, werde ich vermutlich niemals wieder sehen… warum also zurückkommen?
Ich denke, ich werde es trotzdem tun. Was habe ich den eigentlich erwartet? Jetzt, da ich in Deutschland bin, kann ich in die Geschehnisse sowieso nicht eingreifen. Und wenn ich wieder dort bin? Dann lerne ich sowieso wieder so viele Leute kennen, dass es letztlich auch egal ist. Eigentlich…
Das Einzige, was mir irgendwie Sorgen bereitet: Ich weiß nicht warum, aber ein wenig fürchte ich, dass es eine Enttäuschung werden könnte. Das es sich so verändert, dass es nicht mehr so toll ist. Aber ich glaube, das bilde ich mir nur ein…
Verfasst von: Vollidiot in: 3. September 2008
Es geht gut. Erstaunlich gut. Ich fühle mich heute richtig gut… na gut, vielleicht auch nur „nicht schlecht“. Aber vielleicht hilft es ja tatsächlich was, den ganzen Kram hier niederzuschreiben. Auch wenn ihn keiner ließt.
Ob ich wirklich wieder klar komme, müssen aber die nächsten Tage und Wochen zeigen. Denn noch traue ich dem Frieden nicht. Zu oft schien schon alles gut und es änderte sich schlagartig alles wieder. We’ll see… vamos a ver… haha.
Verfasst von: Vollidiot in: 2. September 2008
Normalerweise trinkt man sich Menschen schön. Da gibts sogar wissenschaftliche Experimente dazu. Aber ihr ahnt es sicher schon: unsereiner ist da natürlich mal wieder die Ausnahme! Das sollte sich noch als Super-GAU herausstellen.
Ich glaube, mittlerweile hatte ich zumindest schon mal herausgefunden, wer dieser „Chico1″ ist – eine große Überraschung! Als ich im Taxi den Eintrag in meinem Telefonbuch wählte, klingelte plötzlich neben mir das Handy. Das Handy meines Kumpels! Schön, dann wäre das also geklärt.
Etwas später, der exzessive Abend war nun schon fünf Tage her, kam mir der Gedanke in den Sinn: „Du willst jetzt mal wissen, wer Chica1 ist, vielleicht ja dein anderer Kumpel?“ Lachen. Gut, also in meinem Zimmer eingeschlossen, damit ich auch etwas verstehe. Rauschen. Knacken. Tut. Tut. Ein paar Mal. „Hola?“, fragt eine männliche Stimme. „Ich bin Christian“, sage ich einfach mal auf Englisch, ohne zu wissen, WEM ich das eigentlich erzähle.
Aber ich habe Glück. Oder auch nicht. Je nach dem, wie man es sehen will. „Du willst bestimmt mit meiner Schwester sprechen“, schallt es in gebrochenem Englisch zurück. Was dann kommt, ist zugleich Traum und Albtraum.
Fortsetzung folgt
Verfasst von: Vollidiot in: 2. September 2008
Wenn schon alles andere hier nicht so ist wie dort, dann muss wenigstens der Alkoholpegel hochgehalten werden, oder? Ich weiß nicht, wie viele hundert Euro ich seitdem versoffen habe. Um das Gefühl, etwas zu vermissen, zu ertränken. Allein in Berlin ein dutzend Wodka Bull an einem Abend.
Wie oft hab ich irgendwelche Mädchen angesprochen? Nur um selbst zu merken, dass ich es eigentlich nicht ernst meine… weil der Kopf nicht frei ist von all den Gedanken.
Wie oft kam nach dem exzessiven Trinken der tiefe Fall? Nichts als Leere im Kopf. Gut, besser als die Erinnerungen.
Ich glaube, das Einzige, das mich ablenken und vergessen lassen würde, wäre JEMAND, dem ich vertrauen kann. Nur solche Leute findet man nicht mal eben auf der Straße.
„quiero encontrar un amor para olvidar todo lo que pasa“
Und hier ist ohnehin alles so festgefahren. Alle haben ihren festen Kreis an Menschen, gehen jedes Wochenende in die selben Bars – wo bitte soll sich etwas ändern?
In nicht mal einem Monat werde ich weg sein. Dann wird hoffentlich alles anders.
Verfasst von: Vollidiot in: 2. September 2008
So, dann bin ich nun hier in einer mir unbekannten Welt. 14 000 Kilometer weg von meiner gewohnten Umgebung. Nicht mal verständigen kann ich mich, aber das soll sich ja ändern.
Ach, übrigens, wir schreiben heute März 2008. Irgendein Mittwoch in der Mitte dieses Monats. Fragt nicht, was ich die Tage zuvor gemacht habe, ich weiß es nicht. Erst heute geht es los. UND ZWAR RICHTIG.
Zu dritt laufen wir die Stufen rauf. Die Stufen, über denen die Buchstaben C, N und N prangen. Nein, nicht der TV-Sender… ja, es geht die Stufen rauf. Noch geht es aufwärts.
Es wird immer voller. Überall junge Leute, die abdancen. Der Boden ist schmierig, schwarz. Als hätte jemand einen Tankwagen voller Öl hingekippt.
Was dann passiert, kann ich nur noch in Bruchstücken rekonsturieren. Einer meiner Begleiter hat sich schon verdrückt, als der andere offenbar die Aufmerksamkeit einer Gruppe Jungs und Mädels erregt. Ich stoße dazu, als sie sich gerade unterhalten. Ein Gewirr aus Spanisch und Englisch muss wohl auf mich einprasseln, allein ich weiß es nicht. Von allen Seiten reichen sie mir Plastikbecher mit bunten Alkoholika, die ich unter großem Jubel Stück für Stück leere. Es scheint kein Ende zu geben, der Nachschub scheint gesichert.
Während mein Begleiter das Treiben jetzt etwas aus der Ferne betrachtet, finde ich mich plötzlich mittendrin wieder. Rechts und links hab ich nun jeweils eines der Mädchen im Arm, zwei turnen noch vor mir herum.
Von links höre ich nur: Wärrr arr juuu frrrom? Ich werde wohl „Germany“ geantwortet haben. Im Gegenzug versuche ich es mit ein paar Brocken Spanisch an das Mädchen, das vor mir steht. Überaus kreativ: „Tu no fumo?“ soll heißen: „Du rauchst nicht?“
Ich muss an diesem Abend wohl irgendwelche Handynummern speichern, denn am nächsten Morgen wache ich nicht nur mit einem total versifften Hemd auf, und auch die schwarzen Fußabdrücke im ganzen Haus sind nicht die einzigen Zeugen der letzten Nacht. Mein Telefonbuch hat zwei neue Einträge: „Chico1″ und „Chica1″ – da war ich ja mal ganz originell!
Fortsetzung folgt
Verfasst von: Vollidiot in: 2. September 2008
Am liebsten würde ich den ganzen Tag im Bett liegen bleiben. Nicht aufwachen, dann ist vielleicht eines Tages alles vorbei. Wenn ich mich doch aufraffe, dann führt mein Weg irgendwann an den PC. Da klicke ich mich stundenlang durch irgendwelche Facebook- oder StudiVZ-Profile. Was ich hoffe zu finden? Ich weiß es nicht… Alles verlorene Zeit. Dabei müsste ich doch viel dringendere Sachen erledigen. Nicht mal der Geldautomat spuckt noch was aus. Aber arbeiten? Pfff… daran ist nicht zu denken.
Stattdessen schlage ich mir die halbe Nacht um die Ohren. In der Hoffnung, ich sehe sie mal im Messenger. Aber wenn, dann ist es auch nicht so, wie ich es mir vielleicht erhoffe.
Verfasst von: Vollidiot in: 2. September 2008
…drei Monate bin ich jetzt wieder hier. Unglaublich. Wie schnell alles geht. Vor drei Monaten war die Welt noch in Ordnung. Naja… fast… wenn ich es mir recht überlege, habe ich den Grundstein für die Probleme schon dort, von Anfang an, gelegt. Nur hat mich das kaum gestört. Jeder Tag brachte ja etwas Neues…
Ganz im Gegensatz zu hier. Dass es nicht werden würde wie dort, war mir immer klar. Vielleicht fiel es mir auch deshalb so schwer, zu gehen. Aber irgendwann muss eben jeder mal Chau sagen.
Dann hat mich Heidenheim sogar ein bisschen überrascht. Es ging besser, als befürchtet. Hätte ich die Weichen richtig stellen können, ich würde jetzt nicht hier sitzen und diese Zeilen niederschreiben. Denn nach dem guten Start stürzt mein Leben unaufhaltsam dem Abgrund entgegen… immer weiter… immer weiter… immer weiter… Nichts in Sicht, das mich auffangen könnte….
Verfasst von: Vollidiot in: 2. September 2008
Leute, kennt ihr das nicht auch? Manchmal wünscht man sich einen Reset-Knopf für sein Leben. Einfach, um ganz von vorne anzufangen. Manches besser zu machen. Neu anzufangen, ohne die ganzen Dinge, die falsch gelaufen sind. Ohne einen Haufen Mist in seinem Kopf.
Ja, sowas würde ich mir wünschen. Aber ich bin nun mal kein Computer, dessen Erinnerungen man mit einem Tastendruck vernichten kann…